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Trauer - Amma singt

Amma singt

28. Dezember, Hilfscamp, Amritapuri-Universität

Die Sonne war untergegangen. In Azhikkal, zwei Kilometer flussaufwärts, hatten die Dorfbewohner gerade die 40 toten Körper in Brand gesetzt. Im Hilfscamp des Ashrams konnte man lediglich das Knistern der Flammen hören.

Vom College aus ging Amma still zu dem Feld hinter dem Gebäude und setzte sich mit Blick auf die Backwaters nieder. Sie schloss ihre Augen. Bald darauf setzten sich viele Ashrambewohner zu ihr und meditierten.

Kurz nach 19 Uhr wurde ein Harmonium gebracht, zusammen mit einem einfachen Mikrofon und einem Verstärker. Über den winzigen Lautsprecher konnte man Amma ein traurig klingendes Lied singen hören, in dem um Freude gebeten wurde. Ammas Stimme wurde als einzige durch eine Mikrofon verstärkt, daher war sie als einzigste bis weit in die Nacht hinein hörbar.

Konnten sie sie hören? Alle jene, die ihre Ehemänner nie mehr wiedersehen würden... jene, die ihre Ehefrauen nie mehr wiedersehen würden... jene, die nie mehr ihre Kinder berühren würden... die nie mehr ihre Eltern umarmen würden? In dieser Dunkelheit, konnte Ammas Stimme sie irgendwie berühren, selbst ohne dass sie es wussten?

lokah samastah sukhino bhavantu...
lokah samastah sukhino bhavantu...
lokah samastah sukhino bhavantu...


Amma sang diesen Refrain fast 15 Minuten am Stück. Mit jedem Mal schien die Tiefe dieser Zeilen zu wachsen. Mit jedem Mal schien die Zerstörung der vergangenen drei Tage noch unausweichlicher.

Es war offensichtlich, dass viele Ashrambewohner sich an die vorige Woche erinnerten, in der Amma genau das selbe Lied zweimal gesungen hatte – und beide Male am Ende in Tränen ausgebrochen war.

Als das Lied vorüber war, sang Amma noch ein paar andere Bhajans und leitete anschließend eine kurze Meditation. Daraufhin kündete sie an, in den Ashram zurückzukehren.

Mit dieser Wende war die Zerstörung vorüber und der Wiederaufbau hatte begonnen.