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Heilung durch Gesang: Musiktherapie für Überlebende der Flutkatastrophe
2. April 2005 - Srayikkad Tsunami-Hilfs-Camp, Alappad Panchayat, Kerala
Am 2. April besuchte eine kleine Gruppe von westlichen Anhängern Ammas und Beratern das Tsunami-Flüchtlingslager des Zentrums in Srayikkad. Frau Dr. Sharada Sreedevi, eine klinische Psychologin und Stressmanagementexpertin, leitete die Gruppe. Dr. Sharadas Gruppe, die vom AIMS-Hospital organisiert wurde, hatte die Tsunamibetroffenen im Zusammenhang mit Beratungsaktivitäten, die das AIMS-Hospital organisierte, seit Beginn der Katastrophe aufgesucht. Nun kannte sie schon jeder im Lager gut.
In einem der Räume, in denen die Therapeuten mit den Dorfbewohnern sprachen, hing ein Bild zweier Kinder an der Wand. Als sie danach gefragt wurde sagte eine Frau, dass das ihre Enkel seien, sie sind in der Flutwelle ertrunken. Dann starrte sie auf den Boden. Eine andere Frau bat uns, ihr einziges übrig gebliebenes Bild ihrer Tochter zu fotografieren, ein 8x10 Farbfoto in einem blauen Rahmen. Sie ist glücklich, ein Foto zu haben denn viele Überlebende verloren nicht nur ihre Kinder durch die Flutwelle sondern ebenso all ihre Fotos.
Eine andere Frau sprach über ihre 13 und 16 Jahre alten Kinder, die in der Flutwelle umkamen, und dass sie wie Freunde waren. Sie ist als gute Köchin bekannt, aber jetzt hat sie niemanden mehr für den sie kochen könnte.
So ging es mit den Geschichten weiter. Eine Gruppe Kinder und Erwachsener trafen sich in einem Behelfsklassenzimmer und sprachen mit Dr. Sharada und ihrer Assistentin Kala. Sie waren sehr beängstigt durch eine von der Regierung angeordnete Evakuierung (ein falscher Flutwellenalarm), die vor vier Tagen stattfand. Durch diese Evakuierung kamen all ihre Ängste und Sorgen wieder hoch und sie fühlten sich sehr unsicher.
Dr. Sharada begann, mit ihnen über ihre Ängste zu sprechen und zog die japanische Fotografin Kevala mit ins Gespräch. Sie befragte sie nach dem Sinn des japanischen Wortes Tsunami und danach, ob sie selbst Angst hatte, als die Flutwelle hereinrollte. Kevala gab zu, dass die Flutwelle beängstigend war. Sharada fragte sie, wie sie sich vor der Welle retten konnte, und Kevala sagte, dass sie dadurch entkam, dass sie hinausging und an einen sicheren Platz rannte als sie gewarnt wurde.
Dr. Sharada bezwang ihre Furcht indem sie ihnen erklärte, dass Tsunami eine gefährliche Flutwelle ist. Jetzt wissen sie, wie man sich selbst schützt und rettet. So starben beispielsweise viele Menschen weil sie, als das Meer vor der Welle zurückging, hinausgingen, um sich das anzusehen. Nun wissen wir, dass man sich so schnell wie möglich rettet, wenn sich das Meer merkwürdig verhält.
Dann sangen sie einige der Lieder, die Dr. Sharada für sie komponiert hatte indem sie ihre eigene Sprache und Bilder benutzte. Hier ist die Übersetzung eines Liedes, das sie sangen:
Meine liebe Mutter, kannst du mir erklären, was eine Tsunami ist?
Es sind schwungvolle Wellen, die uns erreichen.
Es sind die Wellen, die kraftvoll an das Ufer prallen.
Tsu heißt Hafen und nami heißt Wellen
Diese gefährlichen nimmermüden Tänzer, diese Wellen
Die kraftvollen Wellen, die uns verschlingen.
Die kraftvollen Wellen, die unsere Häuser zerstören
Die Wellen, hoch bis an den Himmel, die alles verschlingen, was wir haben.
Die Angst machenden Wellen, die unseren inneren Frieden zerstören.
Oh ihr geliebten Kinder, wir Mütter können es nicht besser erklären als so.
So wollen wir uns gegenseitig umarmen und uns bequem schlafen legen.
Die Kinder fragen nicht mehr und gehen schlafen.
Als die Erwachsenen und Kinder sangen, entspannten sie zusehends und begannen zu lächeln und klatschten im Rhythmus des Liedes. Die Lieder wirkten kraftvoll auf sie.
Dr. Sharada sagt, dass Musik ein Weg zur Besiegung von Angst und Aggression sein kann, Traurigkeit und Angst zu mindern und die Opfer, die durch Depression und Angst paralysiert sind, wachzurütteln, zu wecken und zu aktivieren. Durch einfache Melodien und Bilder, die die Dörfler selbst ausdrücken, sind die Lieder poetisch und kraftvoll. Ein Lied wurde für einen trauernden Vater komponiert, nach einem Traum, den er nach dem Tod seiner zwölf jährigen Tochter hatte:
Papa, warum liegst du da wie betäubt?
Hör mich an, ich bin nicht tot.
Ich lebe in deinem Herzen.
Papa, viele Kinder sind tot.
Aber viele Kinder leben noch.
Papa, steh auf! Kümmere dich um lebende Kinder.
Papa, steh auf! Kümmere dich um lebende Kinder.
Die Lieder werden mit und über all die verschiedenen Situationen und Gefühle der Flüchtlinge erdacht. Zunächst waren die Flutopfer nicht in der Lage zu singen. Sie konnten ihre Gefühle nicht ausdrücken. Sie waren verstummt durch die tief greifende und überwältigende Natur ihres Flutwellenerlebnisses. Die Therapeuten begannen für sie zu singen. Zeile für Zeile und ganz allmählich stimmten sie ein. Jetzt sind sie begeisterte Mitsänger und Komponisten neuer Lieder.
Diese Gesangstherapie ist eine sehr einfache aber kraftvolle Technik für die Heilung. Seit undenklichen Zeiten nutzen Menschen die Musik, um ihre tiefsten Gefühle auszudrücken. In der Vergangenheit drehte sich das dörfliche Leben um örtliche Lieder und Tänze. Mit dem Aufscheinen der Massenmedien ging diese Tradition stark verloren. Hier, an der von der Flutwelle verwüsteten Küste, beleben die Überlebenden diese vergessene Art der Kommunikation neu und werden gemeinsam geheilt.
- Tulasi
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